Meine Lieben, dieses Mal war das Entsetzen kürzer, aber um so heftiger; der vollkommene Irrsinn des modernen Materialkrieges noch einmal für wenige Tage aufgelebt, Massen von Panzern, Wolken von Fliegern, Nebelwerfer, Stalinorgeln und alles, alles dieses verbrecherische moderne Zeug, das Eisen spucken kann, und dazwischen die tapfere Infanterie. Ich habe am Morgen des dritten Tages 20 Meter vor unserer Einbruchstelle drei Splitter einer russischen Handgranate ins Kreuz bekommen und bin dann, obwohl ich durch dreitägigen Hunger, Durst und gräßliche Hitze schon fast tot war, noch etliche Kilometer getürmt, weil ich mit meiner Verwundung nicht allein liegen bleiben wollte und weil die russischen Panzer schon hinter mir waren, als ich nach dem ersten Schrecken der Verwundung erst merkte, daß ich allein war!! Die bisherige dreiwöchige sanitäre Behandlung hat mir nichts eingebracht als Läuse und Wut. Leider gibt es für »unsere Verwundeten« keine Schokolade mehr, sonst würde ich meiner kleinen Taube etwas schicken; nach dem Krieg hoffe ich manche Unterlassung gutmachen zu können. Ich hasse den Krieg und alle die, die ihn lieben! Gott gebe, daß Alois noch in Deutschland ist und nicht zur Bekämpfung der Italiener ausgefahren ist.
Euch alle grüße ich von Herzen mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen
Euer Hein
aus:
„Briefe aus dem Krieg 1939 – 1941“ von Heinrich Böll
Hrsg. von Jochen Schubert
© 2001 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln





